Liebe Menschen im Pastoralraum Aare-Rhein und darüber hinaus,
obwohl wir in der Fasnachtszeit sind, wird das leider kein sehr lustiger Sonntagsimpuls. Ich möchte mit diesem Impuls auf eine Veranstaltung des AKF, des Aargauischen Katholischen Frauenbundes am 3. März hinweisen und dazu einladen. Es geht um Femizide. Hier bei uns in der Schweiz. Der AKF schreibt:
«Die Zahlen hinter verschlossenen Türen sind erschreckend: In der Schweiz sind häusliche, sexualisierte und geschlechterbezogene Gewalt weit verbreitet – ein Problem, das wir nicht übersehen dürfen. Wir schauen nicht weg! Wir reden darüber!»
Beim Gespräch am 3.3. sind Frauen und Männer dabei: Nationalrätin Tamara Funiciello, Sozialarbeiterin Claudia Wyss von der Anlaufstelle gegen Häusliche Gewalt Aargau, Matthias Boscaini von der Kriminalpolizei und der Schulleiter Daniel Hölzle. Es ist aber kein Zufall, dass die Einladung «darüber zu reden» von Frauen kommt. Ich rede selten mit anderen Männern über häusliche oder sexualisierte Gewalt. Ich vermute, ich bin da nicht die grosse Ausnahme. Irgendetwas hält uns Männer davon ab, miteinander darüber zu sprechen, warum soviel Gewalt von Männern gegen Frauen ausgeübt wird. Klar: Es gibt auch Frauen, die gegen Männer gewalttätig werden. Und es ist wohl so, dass die Zahl von Männern, die Opfer von Männergewalt werden, grösser ist, als die von Frauen. Aber bei häuslicher Gewalt ist es doch so, dass die allermeisten Gewalttaten von Männern verübt werden. Und Femizide, die Ermordung von Frauen durch Männer ist ein Problem, das wir, wie der AKF zu Recht schreibt, nicht übersehen dürfen.
Der grosse Anteil von Männern an Gewalttaten kann kein Zufall sein. Und das ist, so glaube ich, nicht in der Natur von Männern festgelegt. Also hat es etwas mit der Art und Weise zu tun, wie wir Männer leben. Und die kann geändert werden. Wenn wir genauer erkennen, woran es liegt. Das geht am besten, wenn wir offen miteinander danach fragen und suchen. Möge das Gespräch am 3.3. eines sein, dem noch viele weitere folgen.
«Ihr habt gehört…»
Hat das alles etwas mit dem Sonntags-Evangelium aus dem Matthäus-Evangelium (5,17-37) zu tun? Interessanterweise ist es einer der Texte der Bibel, der sich dem Wortlaut nach an Männer richtet, obwohl wir ihn oft so lesen, als wären alle gemeint. Es geht um die Ehe, aber die Ehe für alle war zu biblischen Zeiten kein Thema. Wer also ist mit dem «Ihr» hier gemeint?
«Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen» (5,17-18). «Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch (5,31-32).
Ich glaube, hier werden Männer angesprochen, aber nicht wegen ihres biologischen Geschlechts, sondern wegen ihrer gesellschaftlichen Rolle, die ihnen besondere Macht und Verantwortung gibt. Wenn aber hier ausschliesslich Männer angesprochen sind, liegt es nahe anzunehmen, dass sich auch alle anderen Aussagen in diesem Sonntags-Evangelium ausschliesslich an Männer richten. Es ist also ein Gespräch von Jesus mit Männern. Und sie sprechen auch über Gewalt, die Männer ausüben.
«Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.»
Jesus beziehungsweise die matthäische Gemeinde, in der das Evangelium entsteht, sehen das Problem der Gewalt von Männern - hier gegen andere Männer - als überaus dringend an und greifen zu drastischen Worten. Gewalt darf nicht verharmlost werden! Die Verantwortlichen in der Gesellschaft – hier der Hohe Rat – sollen sich schon um die kleinsten Anzeichen kümmern. Jede noch so kleine Form von Gewalt trennt völlig von Gott.
Eine Überlegung noch von mir zum Hintergrund des Evangeliums. Es beginnt mit diesen Worten Jesu:
«Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.» (5,17-19)
Kann es sein, dass viele Gesetze und Weisungen des «Alten Testamentes» Frauen geschützt und abgesichert haben? Kann es sein, dass viele Männer im freien Umgang Jesu mit diesen Weisungen» - «der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat» - einen Freibrief gesehen haben, mit dem sie ihre Verantwortung für das Zusammenleben aufgeben können? Kann es sein, dass Jesus, beziehungsweise die Gemeinden, in denen das Matthäusevangelium entsteht, hier versuchen, das wieder rückgängig zu machen bzw. dem Grenzen zu setzen?